Einzigartiges Projekt zur Langzeitarchivierung an der UB der HSU

Die Universitätsbibliothek der Helmut Schmidt Universität hat sich nach reiflicher Überlegung zu einem im deutschen Bibliothekswesen einzigartigen und richtungsweisenden Schritt entschieden.

Schon seit geraumer Zeit wird in bibliothekarischen Kreisen (und nicht selten darüber hinaus) die fortschreitende Digitalisierung vor allem wissenschaftlicher Informationsquellen im Hinblick auf eine langfristige Archivierung bemängelt.

Bereits heute können Disketten, die gerade ein halbes Menschenalter alt sind, in der Regel nicht mehr gelesen werden. Bei jedem Programmupdate von Word oder dem Adobe Reader steht die Lesbarkeit älterer Dokumente in Frage. Die Lebensdauer einer CD wird mittlerweile maximal auf wenige Jahrzehnte geschätzt und von Magnetbändern, die immer noch zur Archivierung und vor allem zur Sicherung großer Datenbestände eingesetzt werden, wollen wir hier gar nicht anfangen.

Experten befürchten schon das sogenannte digitale Desaster oder das digitale Loch und meinen damit, dass z.B. der Geschichtsschreibung in schätzungsweise 500 Jahren nahezu keinerlei Informationen aus unseren Tagen erhalten sein werden.

Wir konnten und wollten vor dieser nahenden Katastrophe nicht länger die Augen verschließen und entschlossen uns im Rahmen eines mehrtägigen Expertenworkshops zu einem einzigartigen Schritt.

Während auf der einen Seite die Problematik und FragwĂĽrdigkeit der Langzeitarchivierung in digitaler Form offenkundig sind, findet man ebenso manifest Beispiele, bei denen die enorm lange Haltbarkeit hoch funktionaler Datenträger hinreichend belegt ist. Ein eindrucksvolles Beispiel hierfĂĽr ist der Wiener Dioskurides oder auch Juliana-Anicia-Kodex, der – ca. 500 n. Chr. auf Pergament geschrieben – noch heute in der Ă–sterreichischen Nationalbibliothek zu finden ist.

Die dokumentierte Haltbarkeit von 1.500 Jahren gab den Ausschlag für unsere Entscheidung, entgegen dem vorherrschenden und gefährlichen Trend der zunehmenden Digitalisierung eine vollständige Pergamentisierung des gesamten Printbestandes der UB der HSU bis Ende 2012 anzustreben.

Zur Abschätzung der Projektlaufzeit hier einige Hintergrundkalkulationen:

  • Printbestand 700.000 Bände mit einer durchschnittlichen Blattgröße von 20cm* 30cm
  • umfangreiche Stichproben ergaben durchschnittlich 300 Seiten pro Band
  • die Beschreibdichte von Pergament muss im Vergleich zu modernem Papier mit 0,5 angesetzt werden

Somit ergibt sich ein Pergamentbedarf von 700.000*0,2*0,3*2*300 = 25.200.000 Quadratmeter.

Pergament wird in der Regel aus  der Haut von Kälbern, Ziegen oder Lämmern hergestellt. Für die Premiumqualität verwendete man früher gerne auch mal die Haut ungeborener Tiere. Aus Kostengründen wollen wir jedoch darauf verzichten und uns an ausgewachsene Kühe halten.

Ein Kuhkörper sei nun näherungsweise durch einen Zylinder von 2,1 m Länge und 1,8 m Umfang gegeben. Dann ergibt eine Kuh immerhin 63 Seiten Pergament in dem geforderten Format.

Wahrscheinlich kann man mit etwas mehr rechnen, denn die Haut wird produktionsbedingt gespannt, um schön dünn und glatt zu werden.

Somit ergibt sich ein Bedarf von etwa 6,7 Millionen KĂĽhen. Um diese nicht unerhebliche Menge beschaffen zu können, wurden bereits Verträge mit den Fleischlieferanten zweier weltweit bekannter Fastfood-Ketten geschlossen. Im Zuge der bundesweiten Kampagne “Burger fĂĽr BĂĽcher” soll in den nächsten Monaten zu verstärktem Verzehr der bekannten fleischhaltigen Kalorienliferanten aufgerufen werden.

Projektstart wird am 1. April sein. Um in der in 2012 verbleibenden Zeit (ca. 200 Arbeitstage) den erfolgreichen Abschluss des Projektes gewährleisten zu können, wurden bereits 70.000 „Ein-Euro-Mönche“ verpflichtet, die in eigens dafür eingerichteten Skriptorien (hierfür konnten ehemalige Bundeswehrstandorte einer Nachnutzung überführt werden) die handschriftliche Übertragung des Printbestandes übernehmen.

Wir sind stolz, schon heute das Nachfolgeprojekt mit dem Arbeitstitel „In Aeternum“ bekannt geben zu können (Projektstart 1. April 2013). In diesem Projekt, das als überaus ehrgeizig bezeichnet werden muss, planen wir die weitere Übertragung unserer Informationsmittel auf Granit und hoffen, damit eine weitere auf maximale Dauer angelegte Sicherheitskopie unseres Bestandes zu erstellen.

Gehen wir auch hier von 700.000 * 300 Seiten * Faktor 2 (größerer Buchstaben auf Granitplatten geschuldet) * Faktor 2 (da jede Platte nur einseitig beschrieben wird) *2cm (Plattendicke) * 2800 (Kilogramm pro Kubikmeter Dichte) aus, so erhalten wir unglücklicherweise ein voraussichtliches Endgewicht von ca. 2,8 Millionen Tonnen für unseren derzeitigen Printbestand.

Vgl. Naumann (Grundsätze der Planung von Bibliotheksbauten) der die notwendige Decklast für Rollregalanlagen mit 15 Kilonewton/qm ansetzt, so würde dies bei herkömmlicher Bauweise eine Bibliotheksfläche von 1,9 Millionen qm erfordern. Da uns derzeit nur 7000 qm mit geringerer Traglast zur Verfügung stehen, bitten wir erfahrene Statiker mit Expertise im Bibliotheksbau, die Bibliotheksleitung zu kontaktieren.

Projektkoordinator: Dr. Frank Josef Nober

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4 Antworten auf Einzigartiges Projekt zur Langzeitarchivierung an der UB der HSU

  1. Ahmed sagt:

    Wenigstens einer, der an den 1. April gedacht hat… ;-)

  2. nikita sagt:

    Coole Idee ;o)

    Btw.: Wer ist/war Helmut Schmidt?

  3. nikita sagt:

    Sh… vergessen… kann man da Projekt auch Flattern?

  4. Beyer sagt:

    Sehr geehrter Herr Nober,
    haben Sie Dank fĂĽr Ihr wahrhaft richtungweisendes Projekt, auf dessen umgehende Realisierung wir als Nicht-Ham-Burger (sofern wir uns nicht gerade fĂĽr Rindviecher halten) mit Spannung warten.

    Nichtsdestotrotz vielleicht noch ein paar kleinere Hinweise.
    Bevor Sie in die anschließende Hardware-Phase („Granit 2013“) eintreten, sollten Sie frei­lich zuvor alle bestehenden Software-Möglichkeiten ausschöpfen; als Beispiele für dankbares Sponsoring führe ich an

    - als Erstes den Vatikan, dessen Heiligsprechungspraxis deutlich ansteigende Tendenz aufweist und der auch vor der Kanonisierung von in unserem westlichen Kulturkreis bislang ungeheiligten KĂĽhen gewiss nicht zurĂĽckschrecken wird, wenn es nur der globalen Evangelisierung dient,
    - zum Anderen die von Ihnen offenkundig bereits kontaktierten globalen Fleischverwerter schein-schottischer Herkunft, die ihr Kapital bislang noch in burgerliche Hack-CDs (ggf. DVDs) stecken, um sie den wiederkäufaulen Usern direkt in den geneigten Darm zu schieben, und künftig zu einer Digitalisierung ihrer Produkte angeregt werden sollten (Optimierung von Logistik, Produktion, Konsum, Recycling und vor allem systemischer Kurzlebigkeit).
    - SchlieĂźlich wäre die umweltfreundliche flächendeckende Vernichtung marodierender Rinderhorden zweifellos aus diversen Töpfen (!) der Europäischen Gemeinschaft förderbar! (Das wäre doch gelacht …)

    Fiel Ervolg!
    Heinz J. Beyer (Saar)

    PS: Gegen Veröffentlichung (abgesehen von Mail-Adresse) habe ich keine Einwendungen.

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